Katze Amanda erzählt

Alle Jahre wieder wird Weihnachten. Frauchen kommt mit einem Bündel Tannenäste nach Hause. Dann ist Adventszeit. Es gibt Tannenäste und Tannenbäume. Aber beides wird mit herrlichem Glitzerzeug behängt, nur um kleine Katzenherzen zu erfreuen. Die Äste stehen auf dem Tisch und der Baum auf der Erde. Die schönste Zeit des Jahres kann beginnen. Bei anderen Leuten wird an jedem Sonntag eine Kerze entzündet. Frauchen ist da anders. Sie stellt überall diese Wachsdinger auf und alle werden schon am ersten Sonntag zum Leuchten gebracht. Das ist toll. Wir können dann mit unserer Zweibeinerin ein schönes Spiel spielen. Sie entzündet die Kerzen, setzt sich aufs Sofa und beginnt bunte Bilder mit einem Stöckchen zu bemalen. Das nennt man Schreiben. Wenn sie so richtig vertieft in ihre Arbeit ist, kann das Spiel beginnen. Zuerst beginnen mein Bruder Ping Pong und ich langsam mit den Schwänzen zu wedeln. Aber wir müssen aufpassen, daß wir nicht zu dicht an die Kerzen kommen. Da ist es ungemütlich heiß. Am Anfang hat mein Bruder ja versucht, die Kerzen zu löschen, indem er seinen Schwanz direkt auf die Flamme legte, aber das tat weh und hat ganz komisch gerochen. Garnicht wie Weihnachten. Und dann hat Frauchen auch noch angefangen, ihm die Talgreste aus demFell zu polken. Da fand er Weihnachten gar nicht mehr schön.Jetzt wedeln wir solange, bis eine Kerze ausgeht. Dann schimpft Frauchen, zündet sie wieder an und das Spiel beginnt von vorn.

Sobald Frauchen wie wild in der Wohnung herumläuft, ist der sogenannte Weihnachtsputz fällig und man verkrümelt sich am Besten. Es ist nicht ratsam, ihr dann im Wege zu sein. Herrchen ist auch immer ganz artig und folgsam und hört auf  Frauchens Wort, weil sie sonst böse wird und noch mehr von einem Kerl gepackt wird, der Putzteufel heißt. Wenn in der Wohnung alles sauber ist, soll man aber nicht glauben, daß Frauchen Ruhe gibt. Sie hält sich jetzt lange in der Küche auf und spielt „Plätzchen backen“. Dabei hört sie Lieder über Schnee und Weihnachtsmänner und über Kinder, die alle kommen sollen. Frauchen singt mit und Herrchen versucht uns zu trösten. Er erklärt uns, daß es nirgends brennt und wir nicht die Feuerwehr, sondern Frauchens schöne Stimme hören. Meinen Bruder Ping Pong und mich stören die komischen Geräusche aus Frauchens Mund ja nicht so sehr, aber meine Hundekumpels Wurzel und Ottilie regen sich immer so schnell über solche Töne auf. Doch dann ist auch das überstanden und Frauchen beginnt sich schön zu machen. Herrchen sagt zwar immer, das wären sinnlose Versuche, aber Frauchen räumt trotzdem einen ganzen Schrank leer und dannsagt sie zu Herrchen, daß sie unbedingt etwas Neues zum Anziehen braucht, weil sie sonst nackt herumlaufen muß. Dann findet sie aber doch noch etwas und wir wissen, jetzt ist Besuchszeit. Da kommen immer Zweibeiner mit ganz vielen Namen zu uns. Das Weibchen heißt „meine liebste Freundin“ und ihr Männchen sagt auch manchmal „Renate“. Er heißt „mein bester Freund“ oder „Peter“ oder „Pfuipeterdubistböse“. Das sagt „meine beste Freundin“manchmal zu ihm, wenn er sich mit meinem Frauchen unterhält. Bevor die Beiden kommen, steht mein Frauchen schon am Fenster und starrt nach draußen. Dann rennt sie zum nächsten Fenster und starrt wieder. Herrchen sagt, sie nimmt ihm die Ruhe, doch sie macht trotzdem weiter.

Das gute Kaffeegeschirr steht schon auf dem Tisch, die Schüssel mit Schlagsahne hat Frauchen aber wieder entfernt. Sie hat uns erwischt, als mein Bruder und ich gerade auf dem Tisch saßen und ein bißchen naschen wollten. Aber Wurzel, die alte Petze hat gebellt, weil sie nicht an die Schüssel konnte und Frauchen kam gleich angerannt. Ping Pong und ich sind sofort hinter dem Sofa verschwunden, da ist es sicher. Natürlich bekamen Ottilie und Wurzel auf einer Untertasse auch etwas Sahne, damit sie nicht benachteiligt sind und wir bekamen noch einen wütenden Blick, aber darauf hätten wir gerne verzichtet. Dann hat Frauchen die Sahne wieder glattgerührt – es sollte niemand merken, daß wir Naschkatzen sind – und ist damit in der Küche verschwunden.

Wenn es klingelt, rennen wir alle zur Tür. „Meine liebste Freundin“ und „Pfuipeterbistduböse“ sind da. Wir freuen uns, denn in ihrer Tasche riecht es immer so gut nach Hunde- und Katzenbelohnung. „Meine liebste Freundin“ fragt, ob sie uns die Leckereien geben darf und Frauchen nickt. Zuerst hatte ich ja Angst, daß Frauchen uns verpfeift wegen der Sahne, aber sie hat dicht gehalten. Alle setzen sich an den Tisch und fangen an zu reden. Die beiden Männchen nicht soviel, aber die Weibchen. Sie schnatternund schnattern. Dann lachen sie dauernd, aber zum Glück singen sie nicht. Übrigens heißt mein Frauchen dann auch „meine liebe Freundin“ und mein Herrchen „Manne“. Wir Vierbeiner freuen uns, weil unsere Zweibeiner sich freuen und weil bald Weihnachten ist und weil Besuch da ist.

Wenn sich die Vier unterhalten, geht es oft um die ganz kleinen Menschen. Eigentlich finde ich das ja alles ziemlich komisch. Wenn die kleinen Menschen geboren werden, ist bei ihnen noch alles in Ordnung. Sie schlafen und trinken nur. Dann lernen sie laufen, ganz richtig wie es sich gehört auf allen vier Pfoten. Aber wenn sie älter werden, vergessen sie das Gelernte wieder und können nur noch auf den beiden Hinterpfoten laufen. Frauchen sagt, daß auch große Menschennoch auf allen Vieren gehen können, aber dann müssen sie so ein stinkendes Zeug trinken, das den Namen Schnaps hat.

Dann kommt noch mehr Besuch, aber an einem anderen Tag. Dieser Besuch heißt „Karsten“ oder „Miniherrchen“ oder „Professor Quatschnie“, aber die dazugehörende Zweibeinerin heißt nur Nadinchen. Die beiden haben auch einen Vierbeiner. Der ist ganz dünn und Frauchen vermutet, daß er immer gegen die Möbel rennt. Er hat nämlich ein total zerknautschtes Näschen und deshalb heißt er auch Knautschke.

Aber richtig Weihnachten ist erst, wenn Frauchen verkündet: „Morgen schmücke ich den Baum“. Dann stöhnt Herrchen und verdreht die Augen, aber das hilft ihm nichts.  Frauchen stellt die Leiter auf, holt jede Menge Schachteln aus den Schränken, legt die Platte mit den Weihnachtsliedern auf und fängt wieder an zu singen. Wurzel und Ottilie sind mit Herrchen schon ins Nebenzimmer geflüchtet, aber mein Bruder und ich bleiben. Zuerst nimmt Frauchen eine lange Schnur, an der viele Kerzen hängen. Die kann man nicht auswedeln. Wir haben es probiert, aber Frauchen hat uns ausgelacht und irgendwas von angeschmiert gemurmelt. Sie klemmt die Dinger an den Baum und betrachtet ihr Werk. Dann kontrolliert sie, ob die Kerzen auch leuchten. Manchmal ist das nicht der Fall und Herrchen wird gerufen. „Ich komme nur, wenn du aufhörst zu singen“, sagt er dann, kommt aber trotzdem gleich. Er baut ein bißchen an der Schnur herum und unser Frauchen sagt ihm, wie er es machen soll. Die bunten Bälle liegen schon bereit und kommen als Nächstes an den Baum. Aber das Schönste sind die langen Glitzerbänder. Die nennt man Lametta. Man kann das Lametta wieder vom Baum holen und in viele kleine Teile zerlegen und die bunten Bälle sind auch nicht übel. Wenn man die mit der Pfote herunterschlägt, muß man aber immer ein unschuldiges Gesicht machen. Denn meistens verwandeln die sich in viele Teilchen und Frauchen sieht uns dann immer so mißtrauisch an.

Natürlich kann man auch versuchen bis hoch in den Baum zu klettern. Es piekt ein bißchen, aber wenn es einem gelingt, die Tanne umzuwerfen, kann man der Anteilnahme Frauchens gewiß sein. Dann legt Frauchen ihre Pfoten vor ihr Gesicht und sagt: „Ich werde wahnsinnig“. Jetzt ist Eile geboten und wir verschwinden wieder hinter dem Sofa. Sogar mein Bruder Ping Pong, der es sonst immer

ganz schlimm mit den Ohren hat, wenn Frauchen etwas sagt, kommt diesmal mit. Überhaupt ist unsere Zweibeinerin ziemlich nervös. Sie sollte viel ruhiger werden. Wenn wir versuchen, den Baum umzugestalten, geschieht das doch nur, um ihr bei der Arbeit zu helfen.

Natürlich gehört zum Fest auch ein bunter Teller und das istdas Beste. Wir stibitzen uns gegenseitig die Leckereien und dann prügeln wir uns ein bißchen. Aber nicht doll, denn schließlich ist ja Weihnachten.

Wenn Frauchen den Baum wieder abschmückt ist das Fest vorbei. Die Tanne bleibt aber noch einen Tag so nackt stehen und Frauchen sagt: „So, jetzt könnt ihr klettern“. Doch jetzt macht es uns keinen Spaß mehr. Der Glitzerkram ist verschwunden, wozu also auf den Baum steigen? Wir sind geduldig und eins ist gewiß: Im nächsten Jahr ist wieder Weihnachten.